Resonate meets Spotify – Ein Plädoyer für eine Symbiose für ein faires Streaming-Modell

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von Wolfgang Müller

+++Eine Zusammenfassung für Ungeduldige findet sich am Ende der Seite+++

Update 25.10.2018: Der Beitrag wurde um diesen und diesen Artikel erweitert.

Liebe alle,

kürzlich sah ich mich gezwungen, mich in die Riege der Musiker einzureihen, die trotz guter Kritiken und halbwegs gut besuchter Konzerte von ihrer Musik nicht mehr leben können. Zu behaupten, von der Musik leben zu können, wäre in meinem Fall vermutlich schon immer übertrieben gewesen, aber ich konnte als mein eigenes Label problemlos eine Album-Produktion, Promotion und Pressung finanzieren, und mit den Erlösen durch CD-Verkäufe, besonders auch auf Live-Konzerten, die Kosten wieder einspielen und etwas Plus machen.

Das funktioniert nicht mehr, und zwar nicht weil mein letztes Album so furchtbar gewesen wäre, zumindest wenn man den Kritiken und den Konzertbesuchern glauben darf. Das Problem ist vielmehr, dass die Einnahme-Quellen wegbrechen, während die Kosten gleich bleiben. Habe ich früher für 600-1000 Euro CDs und Platten auf einem Konzert verkauft, sind es jetzt eher 200-300 Euro, Tendenz fallendbei gleicher Besucherzahl. Habe ich von meinem Debutalbum (als mich wirklich noch niemand kannte) 5000 Stück verkauft, ist diese Zahl mit jeder Veröffentlichung über die Jahre gesunken, während Besucherzahlen und positive Album-Kritiken zunahmen.

Streaming hat den physischen Tonträger-Markt kannibalisiert

Mit meinem vorletzten Album „Auf die Welt“ habe ich mich 2015 entschieden, meine Musik streamen zu lassen. Als Willkommensgeschenk bot Spotify mir an, einige meiner Songs in Playlisten zu featuren, was auch geschah. So wurde der Song „Goldfisch“ aus diesem Album fast eine Millionen Mal auf Spotify gestreamt – für mich eine gewaltige Zahl. Weniger gewaltig war die Zahl auf der Abrechnung. Für die knapp eine Millionen Plays bekam ich grob übeschlagen über einen Zeitraum von einem Jahr ca. 7000,- Euro – insgesamt, nicht monatlich. Hätte jeder hunderste Hörer, also 1% der Zuhörerschaft,  das Album gekauft, wären das 10.000 verkaufte Alben gewesen, und ich hätte mit Kusshand den Song zu diesem Kurs streamen lassen.

Nur leider ist das nicht passiert. Die Hoffnung, Streaming würde den physischen Markt nicht kannibalisieren sondern befeuern, bzw. durch die quasi kostenlose Verbreitung würde sich die Zuhörerschaft verzehnfachen, war ein Irrtum. Leute kaufen sich keine Tonträger mehr, wenn sie Musik gut finden, außer Vinyl-Liebhaber und Menschen über 40. Ich selber habe mir vor 10 Jahren glaube ich das letzte Mal eine CD gekauft, ansonsten Vinyl wenn ich etwas wirklich sehr gerne mochte, oder – Streaming. Das hier ist kein Zuhörer-Bashing. Ich verstehe jeden gut, der keine CDs mehr im Schrank hat – wozu auch? Die Zeit ist vorbei.

Die Verluste sind nicht kompensierbar

Die Zeit Miete zahlen und Essen kaufen zu müssen ist allerdings noch nicht vorbei, und in Zeiten mangelnder Tonträger Verkäufe sehen sich auch viele Indie-Labels zunehmend gezwungen, an den anderen Einnahmequellen der Künstler zu partizipieren – Verlagsrechte werden für einen Plattendeal zur Bedingung gemacht, Teilhaberschaft an Konzerteinnahmen und / oder Merchverkäufen eingefordert, und angesichts der daraus resultierenden Massen von Musikern die nun immer öfter auf die immer weniger werdenden kleinen Bühnen drängen um irgendwie Geld zu generieren sind Tür-Deals mit 50/50 oder schlimmer auch bei halbwegs etablierteren Act keine Seltenheit. Für den Musiker, besonders in Band-Besetzung, bleibt da fast nichts übrig, wenn man nicht von 300-400 Leuten am Abend ausgeht, sondern von 60-100, was für kleine Acts auch schon ein amtliches Ergebnis ist. Wenn  man überhaupt noch eine Bühne findet, wo man spielen kann, weil die wenigen Plätze hart umkämpft sind. Und so viele Sonder-Boxen, Vinyl-Platten oder Turnbeutel kann man gar nicht verkaufen, um den Verlust der Einnahmen durch CD-Verkäufe zu kompensieren.

Die Kosten für eine Album-Produktion indes sind gleich geblieben. Wenn man halbwegs „amtlich“ veröffentlichen will, also mit Vinyl, einer guten Promo und wenigsten 2 Videos, ist man mindestens mit 15.000,- Euro dabei, wenn man ganz ehrlich rechnet eher 20.0000,- Euro. Jedenfalls dann, wenn man den schwarzen Peter nicht weitergeben will und nun seinerseits alle anderen für sich umsonst oder zu einem Hungerlohn arbeiten lassen will. Das ist heute, zumindest für mich, ohne Förderung unfinanzierbar. Mit Crowdfunding bekomme ich vielleicht noch alle Produktionskosten gerade so zusammen, aber alle Extra-Kosten (und davon gibt es viele), sind da nicht mehr mit drin. Von Gewinnen oder einer Vergütung für die Zeit, die man in so ein Album steckt, ganz zu schweigen.

Zeit für ein neues Modell

All dies schreibe ich nicht, um Mitleid zu erheischen oder mich in irgendeinem Elend zu suhlen, sondern um zu verdeutlichen, dass der Moment nun wirklich gekommen ist, wo Streaming einen beachtlichen Teil der Musiklandschaft zerstört. Album-Produkionen sind für unbekanntere Acts de facto unbezahlbar geworden, und zwar nicht weil Musiker so anspruchsvoll und faul sind, sondern weil die Musikindustrie beschlossen hat, sie nicht mehr ausreichend für ihre Tätigkeit zu vergüten. Und da Spotify, Amazon, Google Play, Deezer und Apple Music sich den Markt aufteilen, hat man die Wahl mehr oder weniger kostenlos gehört zu werden (mit Glück) oder eben seiner Wege zu gehen.

Was kann man also machen?

Unglücklicherweise neigt man dazu, die Macht der Wirtschaft als gottgegeben zu sehen. Ein Teil der Musiker, die ich kenne, liebäugeln daher mit dem Modell der öffentlichen Förderung. Sprich, das was der Künstler nicht mehr durch den Verkauf seiner Musik verdienen kann, soll in welcher Art auch immer durch öffentliche Fördermodelle kompensiert werden. Ich halte das für einen großen Fehler. Denn das bedeutet nichts anderes, als dass die Gewinne privatisiert und Verluste sozialisiert werden, und die bedinglose Kapitulation vor den Streaming-Diensten. Andere wiederum fangen an, ihre Musik einfach so zu verschenken, damit sie wenigstens nicht noch dazu beitragen, das System zu unterstützen, und versuchen sich durch Spenden zu finanzieren. Es kann aber nicht sein, dass ein Musiker mit dem Klingelbeutel durch die Welt zieht weil ein paar große Konzerne beschlossen haben kein Geld mehr für ihre Produkte zu verlangen. Es gibt ja nach wie vor das Produkt „Album“, das durch Verkäufe dem Musiker Geld bringen könnte. Das Problem besteht darin, dass der/die Musiker*in gezwungen wird, sein/ihr Produkt faktisch zu verschenken, will er/sie gehört werden, da die einzigen großflächigen Anbietern von Streaming-Diensten der Meinung sind, mehr als 10,- Euro könnte man seinen Nutzern pro Monat nicht zumuten für den Konsum von Musik, und die entsprechend kläglichen Einnahmen als unterirdische Vergütungen an die Künstler ausschütten. Und da sich anscheinend alle darauf geeinigt haben, gibt es keine (nennenswerte) Alternative, der man sich zuwenden könnte.

Zusammengefasst:

  • Physische Tonträger fallen, zumal in naher Zukunft, als Einnahmequelle weg
  • Streaming-Dienste sind alternativlos, um Musik einer breiten Öffentlichkeit zugänglich zu machen
  • Live-Konzerte sind nur für relativ erfolgreiche Acts eine nennenswerte alternative Einnahmequelle, und werden mit zunehmender Konkurrenz für unbekannte Künstler unerreichbar
  • Das Problem wird sich mit zunehmender Verbreitung von Streaming verschärfen
  • Finanzierung von Kultur über öffentliche Gelder bei gleichzeitiger Entwertung durch die Industrie ist nicht akzeptabel und politisch nur schwer durchsetzbar

Das heißt nichts anderes, als dass ein Modell gefunden werden muss, dass die Vorteile des Streamings (kostenlos massenhaft Musik hören und vor allem entdecken) mit den Interessen des Künstlers (faire Bezahlung für sein Werk) vereint.

Resonate.is – eine Idee für ein faires Bezahl-Modell beim Streamen

In einer früheren Version dieses Textes freute ich mich, hier ein total neues Bezahlmodell präsentieren zu können, nur um dann festzustellen, dass es das schon gibt – fast. Resonate.is verfolgt denselben Ansatz den ich mir aus dem Hirn geholt hätte, nämlich den Zuhörer für den Stream so lange bezahlen zu lassen, bis er ähnlich einem digitalen Download abbezahlt wäre. Nur hat Resonate meiner Meinung nach ein paar entscheidende Nachteile

  • Es gibt nicht die Möglichkeit, umsonst Musik hören zu können. Sobald ich etwas höre, muss ich dafür bezahlen, wenn auch zunächst nur sehr wenig
  • Es gibt (noch?) keinen nennenswerten Katalog an Labels und Artists. Damit ist der Dienst für den Großteil der Hörer unattraktiv
  • Technisch befindet es sich in der Beta-Phase – freundlich gesagt
  • Schon nach 9 Plays soll ein Song abbezahlt sein. Das führt für den Zuhörer sehr schnell zu hohen Kosten.

Die einzige Möglichkeit, das zugegebenermaßen äußerst attraktive Modell des kostenlosen Musikkonsums und damit auch das kostenfreie Entdecken von Künstlern beizubehalten und den Musikern (bzw. wenigstens den Labeln) trotzdem wie früher bei digitalen Download-Käufen mit ca. 70%-80% der 10,- Euro pro Album zu vergüten, wäre meiner Meinung nach die Folgende:

Jeder Streamingdienst trackt ja schon heute mit, wie oft welcher User einen Song hört. Nehmen wir an, wir wollen jeden Song für 1,- Euro verkaufen, aber nur an die Leute, die ihn wirklich gerne hören (also die, die früher das Album gekauft haben). Alle anderen, die ihn nur mal so hören, oder auch ein paar Mal, sollen den Preis NICHT oder nur marginal zahlen.

Das würde bedeuten, dass je öfter ich einen Song höre, desto mehr bezeuge ich damit implizit, dass er  mir so gut gefällt, dass ich dafür bereit wäre zu zahlen. Ein faires Bezahl-Modell, das gewissermaßen das Beste aus Spotify und Resonate vereint, könnte also wie folgt aussehen:

  • Bis zu 10 Streams pro Song sind für den Hörer kostenlos
  • Ab dem 11 Stream beginnt er den Song zu kaufen, d.h. es fallen Kosten auf seiner Abrechnung an.
  • Dabei bezahlt er nicht ab dem 11. Stream den vollen Preis, sondern er wandert über einen kleinen Preis-Hügel (siehe Grafik)
  • So würde er z.B. für den 11. Stream 1 Cent zahlen, für den 12. Stream 2 Cent, und so weiter.
  • Nach dem 25. Stream hätte er den Song zur Hälfte bezahlt, ab dort bezahlt er wieder weniger pro Play
  • Hat er den Song so oft gehört, dass 1,- Euro Einnahmen generiert wurden, hört er ihn dauerhaft kostenlos und kann ihn auch herunterladen

Mit diesem Modell wäre einerseits sichergestellt, dass ich viel Musik entdecken und auch weiterhin viel Musik hören kann, ohne dafür zu bezahlen, und gleichzeitig Alben, die mir sehr gut gefallen, während des Hörens abzubezahlen, allerdings über einen akzeptablen Zeitraum von ca. 40 Plays. Damit lägen wir zwischen den 9 Plays von Resonate und den 150 Plays von Spotify (die wohl nur der härteste Fan erreichen könnte). Dabei wäre es denkbar, dass man selber ein monatliches Budget festlegt, das man bereit ist auszugeben, wie das Resonate auch anbietet. Überschreitet man das Budget, kann man halt nur noch Musik hören (in dem Monat), die man noch nicht oft gehört hat.

Resonate verfolgt den Ansatz, von Anfang einen sehr kleinen Betrag zu zahlen, der sich dann mit jedem Play verdoppelt. Dadurch wäre schon nach 9 Plays der ganze Song schlagartig abbezahlt. Das ist für den Künstler attraktiv, aber der Zuhörer überlegt sich dann 5 Mal ob er einen Song abspielt oder nicht. Das ist nicht im Sinne des Erfinders.

Also:

  • Jeder Hörer legt ein monatliches Budget fest (analog Resonate)
  • Musik, die er oft hört, wird eine gewisse Zeit zahlungspflichtig und von dem Budget abgezogen
  • Ist der Song abbezahlt, fallen darauf nie wieder Kosten an
  • Ist das monatliche Budget aufgebraucht, kann nur noch Musik gehört werden, die noch oder schon frei ist, oder das Budget muss erhöht werden

Unterm Strich würden von so einem Modell alle profitieren:

  • Streaming-Dienste würden kostendeckend arbeiten können
  • Musiker würden wieder Geld für ihre Alben bekommen, unabhängig davon wieviel andere Alben gehört werden
  • Auch Menschen ohne viel Geld können weiterhin viel Musik hören und entdecken
  • Durch Budgetlimitierung würden auch unbekanntere Acts mehr Aufmerksamkeit bekommen
  • Musik würde wieder als wertvolles Gut wahrgenommen

Nebenbei würden sich andere Probleme der aktuellen Streaming-Models wie des betrügerischen Diebstahls durch Farming von selber erledigen. Außerdem wäre auch das werbefinanzierte Modell nicht tot – es könnte wie bisher so gehandhabt werden, dass eine werbefinanzierte Version des Streaming-Dienstes einem monatlichen Budget von 10,- Euro entsprechen soll.

Technisch gesehen wäre das völlig problemlos, da alle notwendigen Informationen von den Streaming-Diensten bereits gesammelt werden. Selbstverständlich würde das der „Alles ist kostenlos“ Mentalität ein Ende bereiten, aber auch das müsste eigentlich in jedermanns Interesse liegen. Es ist schon seltsam, dass man sich mittlerweile fast genötigt fühlt, sich zu entschuldigen dafür, dass man für sein Produkt auch Geld verlangen will. Als würde man eine Party sprengen. Aber so ist das nunmal.

Das Bezahlmodell der etablierten Dienste muss sich ändern

Aktuell ist es so, dass jeder Künstler über das Streaming immer weniger verdient, weil es z.b. bei Spotify einen festen Topf Geld gibt (aus Werbeeinnahmen bzw. 10,- pro Monat Zahlungen), der proportional auf alle gestreamten Songs verteilt wird. Dadurch wird jeder Play automatisch immer weniger wert, je mehr Musik gestreamt wird. Perspektivisch muss diese Zahl sich dann rein logisch immer mehr der Null nähern (wo sie ja auch fast schon ist). Darüberhinaus benachteiligt es die unbekannten Künstler, weil sie immer weniger verdienen wenn ein erfolgreicher Künstler viel gehört wird, obgleich sich die absolute Zahl der Streams nicht verändert hat.

Darauf zu warten, dass ein kleines Startup wie Resonate einen auch nur halbwegs so attraktiven Katalog wie die großen Dienste bietet ist müßig. Es ist also alternativlos, dass die großen Streamingdienste ihr Bezahlmodell ändern. Wie kann man sie dazu bewegen? Das ist wohl die große Frage.

Alles kann sich ändern

Wie bei allem gibt es natürlich auch hier den überlauten Chor der Realisten, die das Totschlag Argument „Der Markt“ in der Hand halten. Das beliebteste Argument lautet, dass die Streaming-Dienste in Konkurrenz zueinander stehen und daher nicht einseitig die Kosten erhöhen könnten, da sofort alle bei der Konkurrenz wären und damit sofort pleite gehen würden. Dem würde ich entgegenhalten, dass man die Digitalvertriebe, die die Streamingportale bedienen, durchaus mit politischem Druck dazu bringen könnte, Musik nur noch an Streaming Dienste auszuliefern, die ein faires Vergütungsmodell anbieten. Es würde ja schon erst mal reichen, wenn die Indie-Labels und Vertriebe diesbezüglich eine gemeinsame Agenda verfolgen.

Würden zum Beispiel die großen Indie-Vertriebe überlegen würden, für den Anfang nur noch mit Resonate zusammenzuarbeiten, wäre die Unruhe schon mal groß. Vielleicht mag das am Anfang wie eine leere Drohung wirken, aber es hätte Signalwirkung, auch auf die Großen, und wer wäre nicht daran interessiert mehr Geld zu verdienen? So wie ich es sehe, haben wir da nicht viel zu verlieren. Wenn es ein ausreichend großes Bewusstsein dafür gäbe, dass Selbstausbeutung nicht alternativlos ist, wäre schon viel getan. Das Propagieren einer vermeintlichen Allmacht des Gegners ist ein großer Teil des Problems.

Vor fünfzehn Jahren gab es noch zu jedem Mobilfunkvertrag ein kostenloses Handy dazu. Damals bekriegten sich die Mobilfunk-Anieter bis aufs Blut und unterboten sich gegenseitig mit Dumpingpreisen und kostenlosen Zugaben. Diese Zeiten sind auch vorbei, und trotzdem sehe ich überall Menschen mit Telefonen herumrennen. Die Idee, dass alles zusammenbricht, wenn Menschen wieder für Konsumgüter zahlen müssen, ist völlig abwegig. Im Gegenteil.

Bewusstsein schaffen – Image ankratzen

Bei der Veröffentlichung meines Artikels war ich überrascht, wie wenig Menschen um die Problematik, die hier beschrieben ist, wissen. Es findet eine gigantische Umverteilung von unten nach oben statt, und auch wenn sich jetzt erst mal vermutlich nichts ändert, so ändert sich doch eins – das Bewustsein für das, was hier passiert.

Tex von TV Noir schlug hier vor, dass für den Anfang z.b. die 10,- Euro pro Monat nicht mehr in den riesigen allgemeinen Topf geworfen und verteilt werden, sondern nur unter den Künstlern die der Abonnent auch gehört hat. Das würde für den Anfang schon mal dazu führen, dass die Verteilung zwischen bekannteren und unbekannteren Acts viel, viel gerechter werden würde.

Wenn es möglich wäre, einen großen Dienst dazuzubringen, aus Image-Gründen sein Bezahl Modell zu ändern, dann würde das die Konkurrenz schon mal in Zugzwang bringen. Denn bei allem was der Turbokapitalismus so mit sich bringt, wenn ein Mensch die Wahl hat Musik zu hören, mit einmal fairer Verteilung oder unfairer Verteilung für den Künstler, aber für sich zum gleichen Preis zu haben, wählt er die faire Verteilung. Es muss ein Bewusstsein dafür geschaffen werden, dass hier ein Monopol missbraucht wird. Allein das kann der Anfang einer Veränderung sein. Das versucht dieser Text.

Wie man hier sieht, gibt es ein ökonomisch und technisch sehr gut realisierbares Modell, Künstler wieder für ihre Arbeit zu entlohnen ohne das Internet abschalten zu müssen. Ich habe das erst mal nur aufgeschrieben, um euch an meinen Gedanken teilhaben zu lassen, und vielleicht ist es auch total naiv zu glauben, dass das etwas ändern könnte. Vielleicht gibt es dieses Modell auch schon irgendwo, und ich habe gerade das Rad neu erfunden ohne es zu wissen. Gleichzeitig wollte ich mal einen konstruktiven Vorschlag erarbeiten, anstatt in ungläubiger Ohnmacht zu verharren. Wirklich jede Veränderung in der Welt beginnt mit einer Idee, und dies hier wäre meine. Ob das etwas bewirkt, ob ich etwas Wichtiges nicht bedacht habe, kann ich natürlich nicht sagen. Wenn ihr die Idee gut und diskutabel findet, teilt diesen Beitrag gerne mit euren Freunden oder Menschen, die an den richtigen Stellen sitzen und etwas zu sagen haben. Oder auf der Suche nach einem neuen Geschäftsmodell sind 🙂

 

Ich freue mich über jede Art von Feedback und Kritik. Ich habe versucht, alle Aspekte zu bedenken und bin der Meinung, das das oben beschriebene Modell allen Beteiligten, auch den Streaming-Diensten, nur Vorteile bringen würde, und dem Zuhörer kaum Nachteile.

Was auch immer passiert, wenn es so weitergeht wie bisher, werden wir bald nur noch massentaugliche Musik hören können. Und das kann niemand ernsthaft wollen.

Wolfgang Müller, 20.10.2018

 

Zusammenfassung

Streaming ist die Zukunft des Musik-Vertriebes und für Musiker und Labels alternativlos, um ihre Musik zu vertreiben. Die Einnahmen daraus sind aber gerade für unbekanntere Acts völlig unzureichend. Daher muss das Vergütungsmodell so umgestaltet werden, dass Musiker wieder Einnahmen analog der physischen bzw. Download-Margen generieren können. Ein faires Modell ähnlich dem wie Resonate.is es vorschlägt könnte wie folgt aussehen:

  • Streaming-Kunden legen pro Monat ein bestimmtes Budget fest, das sie ausgeben wollen
  • Die ersten zehn Streams eines Songs sind kostenlos
  • Danach fallen für einen bestimmten Zeitraum, z.b. 30 Streams lang, Kosten an, bis 1,- Euro pro Song eingespielt wurden
  • Die Kosten fallen nicht auf einen Schlag an, sondern bauen sich langsam auf und wieder ab
  • Der Song muss sozusagen eine zeitlich gestreckte Pay-Wall überwinden
  • Danach ist der Song für immer kostenlos und kann auch heruntergeladen werden

Dieses Modell wäre für alle von Vorteil

  • Streaming-Dienste würden kostendeckend arbeiten können
  • Musiker würden wieder Geld für ihre Alben bekommen, unabhängig davon wieviel andere Alben gehört werden
  • Auch Menschen ohne viel Geld können weiterhin viel Musik hören und entdecken
  • Durch Budgetlimitierung würden auch unbekanntere Acts mehr Aufmerksamkeit bekommen
  • Musik würde wieder als wertvolles Gut wahrgenommen
  • Technisch wäre die Umsetzung völlig unproblematisch

Durch ein konzertiertes Vorgehen innerhalb der Branche, auch zunächst nur durch einen Teil davon, könnte ausreichend politischer Druck aufgebaut werden um das neue Bezahl-Modell durchzusetzen. Mit dem aktuellen Vergütungsmodell ist es bereits jetzt bis ins mittlerfolgreiche Segment hinein unmöglich geworden, eine Album-Produktion zu refinanzieren. Dadurch würde in naher Zukunft nur noch Main-Stream oder gesponserte Musik zu hören sein.

 

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Comment

5 Replies to “Resonate meets Spotify – Ein Plädoyer für eine Symbiose für ein faires Streaming-Modell”

  1. Lieber Wolfgang, ich teile deine Haltung (sowohl zu resonate als auch Spotify) total und finde das Modell super schlüssig. Ich hoffe du wirst das möglichst prominent verbreiten!! Danke dafür und schöne Grüße aus der Nachbarschaft, Nils

  2. Prinzipell sehr spannende und weiterverfolgenswerte Idee. Leider sind all die aus der Rechnung genommen, die sich eben DOCH noch Platten, CDs, Downloads etc kaufen um die Künstler ihrer Wahl zu unterstützen und trotzdem – quasi als Zweitoption – den Stream-10er zahlen. Die würden ja dann doppelt zahlen. Was dann wiederum den Verkauf der physischen Tonträger wieder absinken lassen könnte. Danke für die Musik.

  3. Hi Wolfgang, ich könnte mir auch ein Abo vorstellen. Ich bezahle monatlich / jährlich Geld an dich und würde dich somit unterstützen. Kommt ein neues Album von dir darf ich es mir von deiner Webpage runterladen.
    Grüße
    Thomas

  4. Na ja – ich halte mich (44,m) auch als ziemlich musikaffin und hab grad überlegt, ob ich mich darin wiederfinden würde. Tatsächlich habe ich nicht mal ein Streaming-Abo – und ich höre entweder Radio (Auto, selten) oder habe einen Shoutcast-Stream mit gemixter Mucke im Hintergrund laufen. Oder – wenn ich genau Titel XY haben will – dann nutz ich da Youtube – einfach weil es für mich am schnellsten geht.

    Grund: Ich hasse Abos und sehe gekaufte Musik dann auch als Ware – sprich zahl ich dafür, will ich sie auch unter meiner Kontrolle haben – und nicht nur einen Monat ein Zugriffsrecht drauf.

    Wenn ich Geld für Musik ausgebe, dann bin ich entweder in einem Club tanzen (oder ähnliches) oder das sind tatsächlich Konzerte. Und wenn es kleinere Bands sind, die mir gefallen haben, dann nehm ich da tatsächlich auch nochmal ein oder zwei CDs sozusagen als Erinnerung mit – rippe die und benutze sie als MP3. Allerdings erwische ich mich praktisch immer, die Alben höchstens noch 2 oder 3 mal zu hören. Wenn ich online Musik kaufe, dann auch nur als MP3, weil ich das dann in meine Musiksammellogistik einpflegen kann. Ich hab seit der Jugend über die Jahre so ungefähr 500 CDs gekauft, die mittlerweile alle gerippt sind – tatsächlich hat das die letzten Jahre aber auch mega abgenommen. Ich würde aber bestreiten, dass ich eine wesentliche Anzahl von Titeln – selbst wo das Album im Schrank steht – mehr als 10mal gehört habe – ich schätz mal, vielleicht 20 Alben und <100 Titel davon. Und wenn Titel im Radio in Heavy Rotation laufen, dann gehen die mir ziemlich schnell auf den Sack – selbst wenn ich sie eigentlich mag.

    Ehrlich gesagt – puuh – ich versteh das Musiker-Finanzierungsproblem total, hab aber den Verdacht: In der Masse wird das schwierig. Oder ich liege meilenweit neben der Durchschnittszielgruppe von Musik. Mein persönlicher Verdacht – so traurig der auch für Vielfältigkeit ist: Es wird 5% Leute geben, die damit Geld verdienen (ala Kategorie Helene Fischer *würg*) – und für den Rest wird es Hobby werden/bleiben.

    Just my two cents … ^^

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